Ein nicht ganz alltäglicher Flug
Ende Juni (2000) nach mehreren Tagen mit starkem NW-Wind und Schauerwetter wird das Wetter endlich wieder fliegbar. Am 22.konnten wir abends in Battenberg schon ein wenig soaren, aber wegen recht starken Windes war es ganz schön heftig.
Tags drauf ist es aber deutlich besser angesagt, weniger Wind dafür gute Thermik mit ordentlicher Arbeitshöhe. Ich habe nur ein Problem: Am Abend vorher habe ich meinen Packsack samt Inhalt im Auto von Heinz vergessen, und er kann erst um 17.00 Uhr im Fluggebiet sein. Da ich aber schon früher Zeit habe und den Tag nutzen will, muß ich improvisieren. Aber wofür hat man eine fliegende Familie und gute Connections zu einer Flugschule?
Also kurzerhand zusammengesucht:
Vom Vater das Gurtzeug, von der Mutter das Vario einen Schulhelm und einen
Vorführ-Arcus. Größe M, eigentlich zu klein, aber alles andere hat Klaus mit
und so nehme ich mit dem "kleinen" vorlieb, was bei der für heute guten
Thermik nicht von Nachteil sein dürfte.
Gegen 13.00 Uhr bin ich am Eisenberg über Dodenau und treffe auch schon auf
einige streckenhungrige Drachenpiloten, die ihre Geräte aufbauen.
Mit Strecke sollte bei mir nichts drin sein, da ich um 18.00 Uhr noch einen Termin habe.
Na ja, dann halt so ein bißchen in den Wind hängen....
Schnell ist der Schirm geordnet und ich bin in der Luft. Der Wind ist recht
ordentlich und ich habe keine Probleme am Hang Höhe zu machen. In der ersten
Thermik drehe ich nur sehr vorsichtig, damit ich nicht hinter den Grat versetzt
werde.
Es geht teilweise mit bis zu vier Metern nach oben aber durch den Wind ist die
Thermik stark versetzt und ich kann nicht sehr hoch steigen ohne mich nach hinten
versetzen zu lassen.
Der Arcus ist zwar mit der hohen Flächenbelastung ein sehr schneller Schirm
aber an die Reserven, die ich mit meinem Top2 habe, kommt er doch nicht so
ganz heran.
Also ziehe ich es vor, deutlich vor dem Grat zu fliegen.
Nach längerer Suche nördlich des Startplatzes fliege ich über diesen in den
südlich liegenden Kessel, der bei NW-Lagen ohnehin besser trägt.
Und tatsächlich finde ich gutes Steigen. Ich stelle mich gegen den Wind,
bremse den Schirm leicht an und parke sozusagen links über dem Startplatz.
Das Steigen ist sehr großflächig und ich überhöhe den Start deutlich: 300m, 400m...
Ich will schon eindrehen aber wenn ich jetzt anfange zu kreisen, wird mich der Wind versetzen und ich "muß" auf Strecke, aber ich besinne mich meines Termins am Abend und fliege nach einem Kreis wieder konstant gegen den Wind und halte meine Position über dem Startplatz: 500m, 600m...
Noch ein Kreis und wieder geradeaus: 700m, 800m über dem Start.
Ich verwerfe meine Termine schließlich und fange an zu kreisen. Schnell
habe ich noch 200-300m Höhe gemacht und bin schon ein ganzes Stück hinter
dem Startplatz und das Steigen hört auf.
Also in den Wind drehen und ab geht's.
Zügig geht's voran, schade das mein GPS im Kofferraum von Heinz liegt,
es würde jetzt sicher eine ordentliche Reisegeschwindigkeit anzeigen.
Ich fliege in einen Nullschieber und fange wieder an zu kreisen, ich kann zwar
nicht stark an Höhe gewinnen, aber werde vom Höhenwind ordentlich vorwärts geschoben.
Nach den ersten Kilometern komme ich am Burgwald an, einem sehr großen
zusammen-hängenden Waldstück. Da ich kaum Höhe verloren habe und der
Rückenwind ordentlich schiebt, dürfte es keine Probleme geben...
Aber über dem Wald beginnt ordentliches Sinken, also Gas geben und
weiter. Meine Höhe schwindet allmählich, aber über den Wald komme
ich noch locker. Plötzlich fängt das Vario wieder ganz zaghaft an
zu piepsen und ich zentriere wie ein Weltmeister aber die Thermik
ist sehr zerrissen und ich kann nur sehr mühsam in endlosen Kreisen
Höhe gewinnen.
Kein Wunder, denn unter mir ist ein Waldstück, das vollkommen abgeschattet ist.
Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen und der Flachlandflieger....
Mit großer Anstrengung habe ich wieder eine Höhe erreicht, in der
ich keine Angst haben muß gleich wieder am Boden zu stehen und da das
Vario sich zu keinem Pieps mehr hinreißen läßt, gleite ich weiter.
Die letzten kleinen Hügel liegen hinter mir und das Land wird eben.
Aus meiner Position hat man eine phantastische Fernsicht und ich spüre
das heute ein super Tag ist.
Westlich von mir zieht bereits Marburg vorüber, das man an den Lahnbergen
deutlich erkennen kann. Aus früheren Erfahrungen weiß ich, daß ich jetzt
schon 20 km hinter mir habe.
Ich fliege jetzt über Wiesen und Felder, die sehr gut angestrahlt sind
und die Baumreihe könnte eine gute Abrißkannte darstellen. Und tatsächlich
sehe ich von oben wie die Warmluft in Wellenbewegungen über die hohen Felder
streicht, ein paar Sekunden später bestätigt das Vario meine theoretischen
Annahmen und ich kann nochmal ordentlich Höhe machen.
Die Basis liegt mittlerweile bei 1800 m NN und ich kann mich bequem im Gurt
zurücklehnen und weiter gleiten.
Aber es ist schon erstaunlich wie schnell man mit einem Gleitschirm seine
Höhe im Gleitflug vernichten kann. Vor mir liegt das nächste Waldstück und
meine Höhe ist wieder beträchtlich dahin geschmolzen. Der Wald ist aber
nicht so groß und außerdem in der prallen Sonne gelegen. Direkt am Anfang
ist eine schöne Mulde mit sehr lichtem Baumbestand in den die Sonne genau
hinein brennt. Wenn nicht da, wo sonst:
Und tatsächlich die Wipfel der Bäume biegen sich vielversprechend. Es gibt
einen Ruck im Gurtzeug und das Vario gibt ungewohnte Geräusche von sich.
Ich stelle den Arcus auf den Stabilo und schraube mit 6 m/s in den Himmel.
Plötzlich kann ich vor lauter Lärm das jubilierende Vario nicht mehr hören
und schaue verdutzt umher. 500m unter mir schießen 2 Tornados durch und
vergnügen sich im Tiefflug.
Bei 2000 m NN bilden sich aus meinem Aufwind die ersten Schleier und ich
gleite in Windrichtung weiter. In diesem sehr starken Aufwind liegt die
Basis deutlich höher so das ich die nächste Wolke in Kursrichtung auf
Basishöhe erreiche und direkt unter ihr weiter gleiten kann ohne unter
ihr erneut kurbeln zu müssen.
Von nun an wird der Flug zum Kinderspiel, immer wenn ich auf 1200-1000m NN
sinke, steht der nächst Bart bereit und auch immer dort, wo man ihn
erfahrungsgemäß erwarten würde.
Unter mir zieht Stadt Allendorf vorbei, das ich am Truppenübungsplatz erkenne
und schickt mir noch mal ein wenig Thermik entgegen.
Irgendwann sehe ich unter mir die A5 und weiß, daß es heute ziemlich weit geht.
Wie gut das ich doch noch auf Strecke gegangen bin und diesen Supertag genutzt habe.
Hinter der letzten Wolke, deren Basis ich erreicht habe, setzt ziemlich starkes
Sinken ein und ich fliege über Lauterbach mit starkem Höhenverlust. Unter mir
liegt ein Golfplatz um den herum Bauern ihr Heu einfahren.
Das sieht lehrbuchmäßig
aus, aber es ist kein Steigen zu finden, also gleite ich weiter. Das Gelände ist
wieder hügeliger geworden und auf einer Anhöhe, die ich noch gerade erreiche,
drehen sich vier Windkraftanlagen im Wind.
Aus ihrer Mitte steigt ein sanftes Schläuchlein, das mich nochmal einige hundert
Höhenmeter gewinnen läßt. Der Versatz treibt mich auf ein weiteres sehr großes
Waldstück zu aber meine Höhe und der mittlerweile 3 ½ Stunden dauernde Flug
ließen mich vorsichtig werden und so drifte ich nur am Waldrand entlang und
verliere den rettenden Schlauch.
Also mit dem Wind ausgleiten und eine Landewiese suchen.
Ich finde eine Wiese nahe der benachbarten Straße und setze erschöpft, gut
gekühlt aber überglücklich auf und die Erde hat mich wieder.
Nachdem der Schirm verstaut ist nimmt mich ein Bauer mit in den nächsten Ort (Stockhausen, zw. Lauterbach und Fulda). Er ist sehr interessiert an meiner Geschichte und ich werde erst einmal mit kühlen Getränken versorgt. Nachdem er noch einen Atlas organisiert hat, stellen wir fest das ich fast 80 km zurück gelegt habe. Stolz auf meinen Flug versuche ich die Rückholung zu organisieren. Aber von den Drachenflieger hat es keiner mehr geschafft auf Strecke zu gehen und somit ist auch keiner in meiner Nähe gelandet. Also ruf ich zu Hause an und teile die "frohe Botschaft" mit, daß mich jemand kurz vor Fulda abholen müsse. "Ob ich sonst keine Probleme hätte", ist die erste Frage, aber Peter der zufällig bei uns ist erklärt sich bereit, zusammen mit meiner Mutter mich zu holen. Vielen Dank nochmals an dieser Stelle.
Da die Fahrt von Hesselbach nach Stockhausen ein wenig dauert, frage ich meinen "Landebauern" nach einem Gasthaus im Ort, wo ich solange warten kann. Aber er läßt nicht zu, daß ich in ein Gasthaus gehe, sondern lädt mich zum Abendessen bei sich zu Hause ein. So kommt es, daß ich nach einem super Flugtag bei bis dahin für mich wildfremden Menschen am Küchentisch sitze und zu Abend esse. Es gibt Spezialitäten aus eigener Schlachtung bis nichts mehr geht und ich muß sämtlichen Familienmitglieder bereitwillig alles übers Fliegen erzählen. So vergeht die Wartezeit im Flug und nach einem herzlichem Abschied fahren wir nach Battenberg, um mein Auto zu holen.
Und ein Flugtag, den man nicht so schnell vergißt, geht zu Ende.