Am zweiten Tag des Streckenflugseminares in Davos war herrliches Wetter angesagt. Südwestwind – aber kein Föhn. Das versicherte uns auch Seminarleiter Roland Würgler beim Briefing am Vormittag oben auf dem Jakobshorn.

copyright by www.sengers.ch
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Wir (ca. 8 Teilnehmer) beschlossen eine Strecke nach Scuol im Unterengadin zu versuchen. Das wären 30 Kilometer. Ich hörte nur mit halbem Ohr zu, da mir das schon utopisch erschien. Allerdings passte ich bei der Beschreibung der Flugroute zumindest bis zum Flüelapass doch gut auf.

Ich startete gegen 11.00 Uhr und es ging vom Südstartplatz unterhalb der Bergstation der Jakobshornbahn zunächst zäh. Wir konnten uns halten und dann langsam die Bergstation überhöhen. Mir wurde es bald zu eng und ich flog den Grat weiter Richtung Südost. Vorsichtig, immer bereit zum Umdrehen. An der nächsten Spitze ging es dann allmählich höher über dem Grat Richtung Wolke. Mit Flori und Geri (zwei Schweizern) probierten wir dann die Talquerung. Die Beiden kamen noch über Grat drüben an. Ich mit meinem Sicherheitsschirm, der eine etwas schlechtere Leistung hat, brauchte mir nicht mehr zu überlegen, welche Seite ich anfliege - ich war unterhalb des Gratniveaus. Das Variometer piepste zwar manchmal, aber irgendwie war trotz harten Kampfes nichts zu holen. Ich flog noch soweit es ging aus dem Seitental Richtung Davos und landete auf einer saftigen Wiese nahe der Straße.

Per Autostop ging es zurück und ich stand um 14.45 Uhr wieder oben auf dem Jakobshorn. Etwas enttäuscht über die vergebene Chance lief ich zum Startplatz und sah dort Roland mit dem Tandem sowie einen Weiteren aus unserer Truppe. Der Wind war inzwischen grenzwertig, teilweise sicherlich über 25 km/h. Roland warnte uns noch und riet uns es - wenn überhaupt - etwas weiter unten zu versuchen. Er startete dann mit dem Tandem und machte rasch Höhe. Ich wollte ihm unbedingt auf den Fersen bleiben um von seinem Können zu profitieren. Rasch legte ich mit Hilfe des Windes aus und versuchte, die aus der aperen Skipiste stehenden kurzen Eisenstangen und scharfkantigen Steine zu umgehen. Der Rückwärtsstart glückte, ich mußte allerdings dem Schirm schon etwas den Hang hoch hinterherlaufen um nicht zuviel Druck zu bekommen und mitgeschleift zu werden. Ausdrehen und los gings.

Das Vario piepte sofort wie verrückt. Da ich nur mit einem akustischen Vario fliege, kann ich nicht sagen wie schnell es nach oben ging. Das Jakobshorn war im Nu um einige hundert Meter überhöht und Roland war noch in Sichtweite. Er setzte gerade zur Querung an, die für mich vorhin das Ende des Fluges bedeutete. Diesmal gings problemlos. Weit über Grat auf der anderen Seite angekommen, ging es nach kurzem Suchen wieder nach oben. Roland flog mit seinem Passagier dann weit über das Flüelatal hinaus Richtung Passhöhe. Ich blieb - da ich nicht mit einem so extremen Windversatz der Thermik über dem Grat rechnete - relativ direkt über Grat und flog weiter Richtung Osten, wo ich erstmal abwartete, wie es Roland erging, der inzwischen das Flüelatal querte. Ich sah ihn nahe am Hang kämpfen, langsam Höhe verlieren und schließlich Richtung Davos zurückfliegen.

Nun war guter Rat teuer. Ich war mir sicher, dass ich mit meiner Höhe - ich hatte mich noch weiter Richtung Osten versetzen lassen - gut über den Flüelapass kommen würde. Aber dann?

Ich flog ab, mit der Information von Roland im Kopf, dass man überall am Flüelapass Landemöglichkeiten hätte. Es sei zwar nicht so einfach, aber Landen könne man dort. Mit ca. 500m über Grund überflog ich den Flüelapass. Am liebsten hätte ich das Vario zertrümmert um den seit Minuten anhalten Sinkwarnton abzustellen. Ich flog weiter Richtung Susch, an den Südhängen des Tales entlang. Immer wieder gab das Vario nun kurze Piepstöne ab, ich drehte ein und das Steigen war wieder weg. Ich mogelte mich über kleine Hütten und sah die Leute zu mir heraufschauen. Immer wieder überprüfte ich, ob Notlandeplätze in Reichweite sind.

Ich stellte mich dann schon mental auf eine Landung in Susch ein. Das sah allerdings nicht so gut aus: Das enge Engadin (daher wohl der Name) ist hier total leitungsverseucht.

Südseite Unterengadin

Mit wenig Hoffnung auf Rettung flog ich mit vielleicht 200 Meter über Grund in Talmitte und meine Tüte regte sich! Ich versuchte ca. 3 km westlich von Susch einzudrehen und es ging bockig, äußerst zäh nach oben. Luft anhalten und konzentrieren! Immer wieder verlor ich das Steigen und sackte wieder mehrere Meter durch. Ich ließ mich dann in eine Waldschneise am Südhang versetzen und dort wurde das Steigen stärker. Aber immer noch sehr holprig. Gut, dass ich schon einige Flüge mit meinem Schirm hinter mir hatte und dem Gerät vertraute. Trotzdem hielt ich mich in sicherer Entfernung vom Hang.


Wieder in sicherer Höhe überlegte ich mir den Weiterflug. Roland hatte zwar erwähnt, dass er es gerne mal über die Südkette des Unterengadins versucht hätte und die Möglichkeit bestünde, dort schneller voranzukommen, trotzdem blieb ich auf der Nordseite, da ich mir - falls ich keine Thermik finden würde - ausrechnete, dort bei dem Südwind im dynamischen Hangaufwind Höhe machen, oder diese zumindest halten zu können.

Ich schaffte es nicht bis auf Gipfelniveau (ca. 2700 Meter), entschloß mich aber dann, da es auch nach längerer Suche nicht mehr höher ging, das erste Seitental bei Susch zu queren. Drüben angekommen ging es teils thermisch, teils dynamisch soweit hoch, dass ich seit einer Stunde endlich wieder mal ruhig durchatmen und mich umsehen konnte. Grandios. Ich hatte es geschafft. Von Davos ins Unterengadin. Vor mir sah ich schon das geplante Ziel: Scoul. Aber es war noch ein weiter Weg. Zurückblickend zum Flüelapass erspähte ich den gelben Tandemschirm von Roland. Sie hatten sich also doch irgendwie durchgemogelt! Im gleichen Aufwind, der mich vorhin rettete, gewannen sie Höhe. Ich wartete noch, aber als Roland dann - er probierte es tatsächlich - auf die Südseite des Unterengadins zusteuerte und Susch überflog, machte ich mich auf den Weg, weiter nach Osten.

Ich hatte genug Höhe und so traute ich mich endlich die Kamera auszupacken, um ein paar Fotos zu schießen.

Blick Richtung Oberengadin

Über das nächste Seitental hinweg kam ich mit ca. 2000 m Höhe über NN, aber nur knapp über Grund auf der anderen Seite an. Wieder quälte ich mich mühsam weiter. Einmal drehte ich sogar über einem Hochplateau wieder um. Das war etwas gewagt, denn wenn ich keinen Aufwind finden würde, müßte ich auf dieser Hochalm landen. Der Hüttenwirt einer Alm rannte dann auch um sein Haus herum, um den Verrückten, der hier um 16.30 Uhr nachmittags mit einem Fetzen Stoff herumflog genau zu beobachten.


Auch über das nächste Seitental gings hinweg und wieder begann das Spiel am Südhang mit den dynamischen und thermischen Aufwinden. Wanderer winkten zu mir hoch. Mir war das gar nicht so angenehm, denn ich war so tief, dass ich ihnen sogar zurufen hätte können. Ich beließ es beim Winken und versuchte mich dennoch darauf zu konzentrieren, wenigstens die Höhe halten zu können.

Drei Kilometer vor mir war mein Ziel: Scuol. Ich erkannte den Ort, die Seilbahn und sogar den Landeplatz. An Scuol vorbeifliegend war ich unterhalb der Bergstation der Seilbahn. Jetzt war guter Rat teuer. Sollte ich in Scuol landen und sicher und gemütlich mit dem Zug zurückfahren, oder weiterfliegen und vielleicht nur schwerlich zurückkommen zum Hotel in Davos. Ich dachte mir: Versuch es noch ein Stück weiter, bist ja eh schon tief und wahrscheinlich ist es mit 16.45 Uhr schon zu spät. Über das nächste, kleine Seitental - eigentlich eher eine Schlucht - bei Scuol hinweg ließ ich mich in einem Nullschieber treiben. Das ließ mir Zeit für weitere Überlegungen: Geld hatte ich genug dabei, für die Rückfahrt. Sogar meinen Ausweis hatte ich in der Tasche. Immer noch zweifelnd Warteschleifen drehend, entwickelte sich der Nullschieber zu einem schönen, ruhigen, gleichmäßigen Aufwind. Jetzt ließ ich alle Bedenken fahren und sagte mir, dass so eine Chance nicht so schnell wiederkommen würde.

Reschenpass mit See

Es hob mich - die Kreise Richtung Osten versetzend - wieder hoch hinaus. So hoch war ich seit einer Stunde nicht mehr gewesen! Wieder eine Seitentalquerung ansetzend, glaubte ich drüben Personen zu erkennen. Ich flog auf den Vorgipfel des Muttler in ca. 2600 Metern Höhe zu und die Personengruppe löste sich in einen Steinhaufen auf. Eigentlich logisch: Wer rennt noch um 17.00 Uhr zu Fuß in solch einer Höhe rum. Der Aufwind stand nicht dort, wo ich ihn erwartete und so drückte es mich unter den Vorgipfel.


Wieder eine schwierige Entscheidung: Direkt weiter Richtung Osten oder tief in das Seitental hinein. Wenn ich Richtung Osten weiterfliegen würde, wäre der Flug vor der Grenze zu Österreich zu Ende, denn Aufwind war dort nicht mehr zu erwarten und das Grenzgebiet ist total unlandbar. Wenn ich in das Seitental hineinfliegen würde, würde ich dort vielleicht nicht mehr hinauskommen. Andererseits schien die, nun doch schon tiefer im Westen stehende Sonne, dort in ein steiniges Kar hinein, da sollte doch was abgehen.

Also hinein in das Kar und: Nichts. Weiter hinein. Nun würde ich nur mit viel Glück aus dem Seitental hinausfliegen können. Ich sah mich schon auf dem langen Fußmarsch durch dieses Tal. Zumindest waren Landeflächen und ein Feldweg vorhanden.

An diesem Tag war mir aber das Glück treu und der schließlich gefundene Aufwind hob mich weit über den antennenbewehrten Gipfel des Muttler hinaus. Die größte Höhe des Tages: ca. 3400 Meter über NN. Jetzt war ich total besoffen. Die Welt lag mir zu Füßen: Im Süden der Reschenpass mitsamt zugehörigem See, hinter mir im Westen das ganze Unterengadin, im Norden Samnaun und im Nordosten das Inntal. Die Fernsicht war atemberaubend.

Blick Richtung Inntal

Nun sollte ich also problemlos nach Österreich kommen. Berauscht rechnete ich mir aus, dass ich - es war 17.30 Uhr - noch zwei Stunden Thermik ausnutzen könne und wieweit man damit noch käme. Tja und daraus resultierte dann die Fehlentscheidung. Ich hätte weiter auf der Nordwestseite des Inntales bleiben müssen. Ich aber querte den Inn und es ging abwärts, aber richtig. Über der Grenzstation schwante mir schon sowas: Der letzte Ausweg war der Buckel östlich von Pfunds. Aber während über den Bergen um Spiss noch Cumuli standen, lösten diese Thermikanzeiger sich in meiner Flugrichtung auf.


Landeplatz

Ich sank unaufhaltsam dem Inntal entgegen. Es war Talwind zu erwarten und so flog ich so auf meine geplante Landewiese zu, dass der Wind schon ordentlich sein müsste, um mein Ziel zu verfehlen. Und er war ordentlich. Voll im Beschleuniger stehend - mein Schirm macht so angeblich fast 50 km/h -kam ich nur noch langsam voran. Ich hielt schon nach alternativen Landeflächen ausschau, aber nachdem ich schon einmal von einem Bauern niedergemacht wurde, wollte ich unbedingt auf der einzigen gemähten Wiese weit und breit runterkommen. Hundert Meter über Grund ließ der Wind zum Glück nach, so dass ich sogar unbeschleunigt mit leichter Vorwärtsfahrt auf dem vorgesehehnen Feld landen konnte.


Fassungslos sank ich ins Gras und brauchte einige Zeit um mir klarzumachen, was soeben geschehen ist: Mein - mit Abstand - weitester Flug. Durch mir bisher unbekanntes Gelände mit einem eigentlich viel zu spätem Startzeitpunkt! Es war 18.00 Uhr.

http://www.gleitschirm-faq.de/Praxis/Streckenfliegen/fesl