123km FAI-Dreieck mit dem Edel Atlas

1998 wurde erstmals die Sportklasse in die Wertung der Deutschen Streckenflugmeisterschaft eingeführt. In dieser neuen Wettbewerbsklasse dürfen nur Gleitschirme der Kategorie 1 oder 1-2 für die Streckenflüge verwendet werden. Das übrige Reglement und auch die Anforderungen an die Dokumentation entsprechen denen der offenen Klasse.

Vorrangiges Ziel dieses Schrittes war es das Fliegen mit Gleitschirmen der Klasse 1 und 1-2 populärer zu machen. Das diese Schirmklassen außerordentlich gutmütig in ruppiger Thermik und turbulenten Bedingungen reagieren, und zudem im Thermikkreisen keine gravierenden Nachteile haben, war längst bekannt. Zu beweisen war allerdings noch, daß auch Piloten die über die Umgebung ihres Hausberges hinausfliegen wollen damit ihren Spaß haben können.

Mit mehreren Flügen über die 100-km-Marke hinaus und eindrucksvollen FAI-Dreiecken konnten diese Anfänger- und Schul-Schirme in der Saison ´98 beweisen, daß nicht nur ein Menge Flugspaß, sondern auch ansprechende Streckenflugleistungen bei einem Maximum an passiver Flugsicherheit zu haben sind. Sicherlich wird so mancher Hobbyflieger als Pilot eines modernen Gleiters der Klasse 1-2 mehr Leistung aus seinem Gerät holen, als als überforderter Passagier eines Hochleisters.

Vielleicht lassen sich einige gestresste Hochleisterpiloten durch den vorgestellten Flug dazu animieren beim nächsten Gerätekauf etwas Leistung gegen mehr Flugsicherheit einzutauschen. Ein kleiner Schritt zurück bringt so manchen wahrscheinlich einen gewqaltigen Sprung nach vorne.

Das Fluggebiet:

Die hochalpine Arena der Walliser Alpen bietet auch Anfang August noch sehr gute Streckenflugbedingungen, wenn in anderen Fluggebieten die XC-Saison längst vorbei ist. Die bodennahe Warmluftmasse der kontinentalen Erwärmung ist auch zu dieser Jahreszeit nicht in die Hochgebirgsregion vorgedrungen. Die Luftmasse stabilisiert also nicht so schnell, wie in tiefer gelegenen Gebieten. Zudem sind in dieser Jaheszeit die südseitig ausgerichteten Hänge bis in Höhen von weit über 3000 m MSL schneefrei. Starke Erwärmung und die trockene Luft in diesen Regionen lassen im Hochsommer erreichbare Basishöhen bis deutlich über 4000 m zu.

Zu den "Hundstagen" (der Sirius auch Hundsstern genannt ist deutlich am Nachthimmel zusehen) Anfang August sind dann auch die Startplätze am Kühboden in Fiesch von XC-Fanatikern belagert. Gleitschirme, Drachen, Segelflieger vom nahe gelegenen Flugplatz in Münster und seit neuestem auch Starrflügler müssen sich den Luftraum teilen. In unmittelbarer Nähe der Startplätze kann es dann schon einmal recht eng werden. In dem weitläufigen Gebiet der Walliser Alpen verteilen sich die Massen aber recht bald.

Das Fliegen zwischen den höchsten Gipfeln und den gewaltigsten Gletscherströmen der Alpen übt auf jeden Piloten der einmal hier war eine unglaubliche Faszination aus. Seit 1991 bin auch ich fast jedes Jahr für mindestens eine Woche hierher gekommen um auf Strecke zugehen, zumindestens aber um dutzendweise Filme vor dieser einzigartigen Kulisse zu verschiessen.

Doch wer im Wallis auf Strecke gehen will, muß meteorologisch versiert sein und seinen Gleiter in allen Situationen im Griff haben. Brutale Aufwinde, gewaltige Leerotoren und tückische Talwinde verlangen nach erfahrenen Piloten. Die ansäßigen Flugschulen lassen ihre Schüler an thermischen Tagen nicht ohne Grund nur zwischen 8 und 11 Uhr morgens in die Luft.

Anreise und Geländeinfo:

Fiesch ist im oberen Rhonetal, dem deutschsprachigen Raum des Wallis auf knapp 1100 m Meereshöhe gelegen. Berge bis 4500 m Höhe im Norden und bis 3500 m im Süden schirmen das obere Rhonetal gegen Zufuhr feuchter Luftmassen aus Süden oder Norden und gegen den überregionalen Wind ab. Allerdings erschweren sie auch die Anreise, die passfrei nur von Westen über den Genfer See und Martigny erfolgen kann. Von Norden, Osten oder Süden kommen nur der Grimsel, der Furka, der Nufenen oder der Simplonpass in Frage. Alternativ die Bahnverladungen Kandersteg-Goppenstein oder Realp-Oberwald. Unterkünfte sind in Fiesch und Umgebung ausreichend vorhanden, vor allem Ferienappartements und Chalets. Die Preise sind jedoch für Nicht-Schweizer, auch wegen des Wechselkurses, als "abgehoben" zu bezeichnen.

Im Gegensatz dazu ist die Bahnfahrt mit der Seilbahn zum Kühboden mit ca. 13 SFr. schon fast ein Schnäppchen. Die Jahreskarte für Lande- und Startplatzbenützung ist zusammen mit einer sehr informativen Broschüre für 25 SFr. zu haben.

Die beste Zeit für weite Flüge recht von Anfang Juni bis Ende August.

Das Dreieck:

Das Dreieck:

  • Datum: 09.08.1998
  • Strecke: 123 km FAI-Dreieck
  • Start- und Zielpunkt: Lax

Die Wendepunkte:

  1. Galehütte östlich von Münster
  2. Staumauer der Lonza im Lötschental
  3. Gipfel des Weissmies (4023 m)

Der Pilot:

  • Torsten Hahne: 32, Facharzt für Dermatologie und Allergologie aus München.
  • Gleitschirm: Edel Atlas DHV Klasse 1-2
  • Erfolge: Streckenflugmeister 91 und 95, Deutscher Meister 92, Europameister Mannschaft 92, Weltmeisterschaft Bronze Mannschaft 91, 2 Strecken-Weltrekorde 91

Der Flug:

An manchen Tagen ist in Fiesch bereits um 10 Uhr Sommerzeit ein thermiksicherer Start möglich. Die Thermik am 9.8.98 löst jedoch relativ spät aus. Erst um viertel nach 11 kann ich starten, ohne ein allzugroßes Risiko eines Landeplatzdirektfluges einzugehen. Das ist bedauerlich, denn so hänge ich in meinem Zeitplan bereits über eine Stunde zurück, als ich um halb 12 die Kirche in Lax als Startpunkt ins Visier meiner Kamera nehme.

Der Vorteil dieses Startpunktes auf einem Schenkel ist die Tatsache, daß ich später eventuell einen langen Endanflug einplanen kann, da Lax am Talgrund liegt. Nachteilig sind die längere Gesamtflugstrecke und der Umstand, daß ich nach meinem Ausflug in die Abwinde in Talmitte erst wieder mühselig ganz niedrig am Hang nach dem Einstieg in die Thermik suchen muß. In solchen Situationen wünscht man sich dann doch ein paar Gleitzahlen mehr.

Für den Deutschen Streckenflugpokal ist dieser Start auf Schenkel übrigens zulässig, für Rekordflüge nach FAI-Reglement muss der Startpunkt allerdings einer der Wendepunkte sein.

Zurück am Kühboden hängt der Himmel mittlerweile voller Konfetti. Durch dieses kunterbunte Durcheinander muß ich hindurch, um ausreichend Höhe vor dem Talsprung über den Fiescher Gletscher zu tanken. Ein Chaosforscher hätte in diesem bunten Treiben sicherlich seine gößte Freude. Mir persönlich gefällt das ganze jedoch weniger gut. Knapp oberhalb von mir kommen sich auch gleich zwei Konfetti so nahe, daß sie fortan den weiteren Flug miteinander verknäult und an zwei Rundkappen hängend direkt nach unten fortsetzen. Das Bündel aus Tuch und Mensch sinkt langsam drehend an mir vorbei. Die gemeinsame Landung auf einer Almwiese sieht vergleichsweise sanft aus, allerdings macht vorerst keiner der Piloten da unten Anstalten sich zu bewegen. Beunruhigt gebe ich sofort über Funk die Unfallmeldung weiter. Den Auftakt um heutigen XC habe ich mir anders vorgestellt. Mittlerweile rührt sich da unten aber etwas und die Gestalten krabbeln unter ihren Segeln hervor. Fünf Minuten später kommt auch die komplette Entwarnung über den Funk. Beide Piloten unverletzt. Meine Stimmung hellt sich auf, der größten Verkehrsdichte weiche ich aber großräumig aus und suche mir meinen Aufwind jetzt ganz allein an der Ostflanke des Eggishorns. Das Steigen ist hier zwar hier zwar eher mager, dafür muss ich den Bart aber mit keinem "Geisterflieger" teilen.

Über die Endmoräne des Fieschergletschers quere ich nach Bellwald um festzustellen, daß hier thermisch tote Hose angesagt ist. Also weiter mit halber Hanghöhe in die Südosthänge des oberen Rhonetales, auch oberes Goms genannt.
Dieser Teil des Wallis ist mit seinen sanften Wiesenkuppen und Almhängen geradezu lieblich und dem Pinzgau recht ähnlich. Also optimal geeignet für erste Streckenflugexkursionen. Doch der Flug im Goms gestaltet sich vorerst etwas zäh. Erst um kurz vor 13 Uhr erreiche ich meinen 1. Wendepunkt, die Galehütte östlich von Münster. Bis hierher konnte ich kaum über 2500 m MSL aufdrehen. Wenn das so weiter geht, kann ich den Tag vergessen, ganz abgesehen davon, daß mein 3. Wendepunkt der Gipfel des Weissmies ist. Und der ist 4023 m hoch.

Nachdem ich die Hütte im Kasten habe gehts aber endlich richtig los. Zusammen mit einem Segelflieger vom nahen Flugplatz in Münster kann ich einen vernünftigen Aufwind bis auf über 3000 m zentrieren. Die Basis steigt nun gemächlich an und ich versuche auf dem Rückweg Richtung Kühboden Zeit gut zu machen indem ich nur Bärte mit mehr als drei Meter Steigen ausdrehe.
Zurück am Kühboden bleiben die Kühe tatsächlich am Boden. Ich allerdings beinahe auch, denn die Thermik scheint hier erst einmal eine Pause einzulegen. Erst am Bettmerhorn kann ich wieder durchzentrieren. Sobald man den Grat überhöht wird der Blick auf den Aletschgletscher frei. Ein Postkartenmotiv. Allein für diesen Anblick lohnt es sich in Fiesch zu fliegen.

Weiterflug über Riederfurka und das Foggenhorn. Doch etwas ist hier faul. Ich vermisse den sonst üblichen kräftigen Gegenwind aus Westen. Ganz im Gegenteil. Ich werde geradezu nach Westen geschoben. Umdenken ist angesagt, denn die Bärte stehen ebenfalls versetzt.
Am Gärsthorn oberhalb von Brig treffe wieder auf den absoluten Hammer, allerdings knickt auch dieser Bart deutlich nach Westen ab. Ein untrügliches Zeichen dafür, daß der Simplonwind heute wieder seine Finger im Spiel hat. Am Gebidum, der entscheidenden Schlüsselstelle zum Einflug in das Saaser Tal wird also später wieder unangenehme Leethermik zu erwarten sein. Momentan hilft mir aber dieser Südostwind, denn er schiebt mich über das Wiwannihorn am Bietschhorn vorbei zu meinem 2. Wendepunkt, der Staumauer der Lonza im Lötschental.

Die Leethermik an der Nordwestflankedes Hohgleifen, einer fast senkrechten Geröllhalde, beisst sofort an. Die Basis ist mittlerweile auf fast 4000 m angestiegen. Die Höhe brauche ich jedoch auch um gegen den Südostwind am Schwarzhorn und Wiwannihorn über Gratöhe anzukommen.
Zurück am Gärsthorn ist der Hammerbart von vorhin nun richtig erwachsen geworden. Mit teilweise über 10 m/sec. integriertem Steigen schleudert er meinen Atlas und mich in die Höhe. Auf 4300 m fliege ich voll beschleunigt und mit eingeklappten Ohren zum Wolkenrand, der mittlerweile schon draußen über dem Rhonetal steht. Eine komfortable Höhe meine ich, um im Direktflug auf das Saaser Tal zuzusteuern. Aber falsch gedacht. Solche gewaltigen Aufwinde produzieren natürlich auch Abwinde Mit minutenlangem Sinkalarm bei 5 m/sec stürze ich wie ein Meteorit den Antennen bei Gebidum entgegen. Die Gleitleistung meines Atlas erfährt einen weiteren Dämpfer durch den Südostwind , der über den Simplonpass hinüber pfeift. Endlich kann ich knapp über Grathöhe in einen zaghaften Leebart eindrehen. Zusammen mit einem Drachen und zwei weiteren Gleitschirmen kämpfe ich mich wieder auf knapp 3000 m hinauf. Ich kann wieder kräftig durchatmen und entspannt meinen Blick über das Matterhorn und den Dom schweifen lassen.

Mit ausreichender und nervenschonender Höhe über der unlandbaren Schlucht zwischen Stalden und Saas Grund kann ich in das Saaser Tal einfliegen. Der erste Aufwind am Simelihorn empfängt mich mit großflächigen Achtmetersteigen. Der Bart ist so groß und kräftig, daß sogar ein Motorflieger neben mir mit abgestellten Motor in der Thermik seine Kreise zieht. Die Wolke über meinem Kopf ist aber dementsprechend riesig und ziemlich finster. Schließlich kann das Ungetüm die Feuchtigkeit nicht mehr halten und weint sich aus. Dch die Tränen erstarren in dieser Höhe. Als mir schließlich kirschkerngroße Hagelkörner ins Gesicht prasseln und ich die Varioanzeige freiwischen muss, ergreife ich auf 4100 m, mehr als 500 m unter der Basis, die Flucht. Bis auf die mittlere A-Leine ziehe ich den Atlas zusammen und trete voll in die Beschleuniger. Ein blauer Gleitschirm vor mir ist weniger vorsichtig und macht ein paar Kreise zuviel. Wie ein Sektkorken aus einer kräftig geschüttelten Flasche schießt er Richtung Basis und verschwindet in der dunkelgrauen Masse. Der hat Nerven. Die Wolke reicht bestimmt bis auf knapp 7000 Meter hinauf. Ziemlich kalt da oben und die Luft wird ihm wohl auch bald ausgehen.
Mit einem Nullschieber oder leichtem Steigen ereiche ich in der Zwischenzeit mit meinem Restschirm den Wolkenrand und habe sofort wieder blauen Himmel über mir. Der Wolkenkoloss spuckt auch den Himmelfahrtskandidaten mit seinem blauen Hochleister wieder aus. Glück gehabt würde ich sagen.

Am Lagginhorn kann man im Geradeausflug wieder Höhe machen, so daß ich beschließe den Weissmies direkt über den Gletscher anzufliegen. Doch der Versuch den Weissmies im Direktflug zu umrunden scheitert. An der nordwestseitigen Gletscherflanke an der ich letztes Jahr noch so schön aufsoaren konnte werde ich hinuntergespült. Direkt über die Aufstiegsspuren der Bergsteiger und den gurgelnden Gletscherspalten geht es zügig nach unten. Erst an der Südwestflanke des Trifthorns finde ich wieder aufsteigende Luftmassen. Den Monte Rosa zum Greifen nahe steige ich nahe an die 4600 m heran und kann beim Wendephoto über dem Weissmies den Blick auf das 4000 Meter tiefer liegende Domodossola in Oberitalien geniessen.

Den Grat von Weissmies und Lagginhorn reite ich bequem entlang bis ich am Ende des Grates wieder in einen gemütlichen Fünf-Meter-Bart einfahre. Von der Basis am Fletschhorn trete ich den 20-minütigen Gleitflug vorbei am Simplonpass nach Rosswald oberhalb von Brig an.
Normalerweise kann man dort durch den Talwind unterstützt mühelos aufsoaren. Doch durch den Ostwind versetzt steht hier heute nur ein zerissener Leebart, der nach oben hin jedoch immer stärker und ruhiger wird. Im Fieschertal herrscht inzwischen schon starker Abwind vom Gletscher hinab, also talauswärts. Einige Schirme stehen in Talmitte wie festgenagelt. Ich lasse nun aber nichts mehr anbrennen und drehe noch einmal genüßlich auf 3600 m auf. Der Endanflug nach Lax geht gegen den Wind nur langsam voran, doch ich habe nun alle Zeit der Welt, um die phantastische Landschaft der Gletscherriesen auf mich wirken zu lassen. Lauthals schmettere ich "Sailing home" in die kalte Luft. Hier oben kann mich glücklicherweise niemand hören. Die Endorphine nach so einem Streckenflug versetzen einen geradezu in einen Glücksrausch. Diese Droge ist für kein Geld der Welt zu kaufen. Man muß sie sich mühsam verdienen und es gibt sie nur an wenigen Tagen im Jahr.

Beim Abspiralen über dem Landeplatz habe ich das Gefühl in eine Sauna zu springen. Die Lufttemperatur beträgt hier über 30 ° Celsius. Nach mehreren Stunden an der Nullgradgrenze in Höhen um die 4000 Meter ein echter Hitzeschock.
Der Empfang am Landeplatz mit Eistee und einem Happen zu Essen durch meine Frau Ina und Tim meinen 3 Monate alten Streckenflugnachwuchs ist entsprechend freudig. So gut drauf erleben mich die beiden auch nicht jeden Tag.

Nach 123 Klometern auf Dreieckskurs in extremen hochalpinen Bedingungen und Steigwerten bis über 10 m/sec ohne einen einzigen Klapper und ständig dem beruhigenden Gefühl alles sicher im Griff zuhaben hat mich Mutter Erde wieder. So entspannt bin ich auf einem Hochleister noch nie auf Strecke gewesen. Das war Fun total. Zur Nachahmung dringend empfohlen.

Torsten Hahne

http://www.gleitschirm-faq.de/Praxis/Streckenfliegen/hahne