Flugstrategien
Das klassische Modell eines thermischen Gebildes beschreibt einen aufsteigenden Zylinder aus Luft der eine Wolke speist. In Wirklichkeit stelle ich mir Bärte, die eine Wolke speisen, als Baum vor. Viele kleine Wurzeln (Bärte) vereinigen sich zu grösseren, bis sie den Stamm erreichen und zur Wolke aufsteigen. Je höher du über Grund bist, desto weiter sind die 'Stämme' auseinander und umso näher musst du an die Wolken fliegen, um einen starken Bart richtig anzustechen. Jeder, der schon Wettkämpfe geflogen ist, wird schon Schrime gesehen haben, die relativ nahe zueinander, aber doch in verschiedenen Bärten drehen, bevor sie sich ab einer gewissen Höhe im gleichen Bart befinden und zusammen weiter zur Basis aufsteigen. Schirme die sich tiefer befinden können die kleineren Bärte ('Wurzeln') nutzen, nicht nur den 'Stamm'. Wenn du dich in der 'tiefen' Zone befindest, d.h. unter dem halben Weg zur Wolkenbasis, dann wirst du sehr wahrscheinlich relativ kleine Kerne (enge Bärte) finden. Segelflugzeige tun sich relativ schwer, diese niedrigen Bärte auszunutzen aber Schirme (Drachen) können sie in engen Kreisen ausdrehen und den individuellen 'Wurzeln' folgen, bis sie sich ausweiten und mit anderen Bärten vereinigen. Wenn du dich unterhalb des halben Abstandes zwischen dem Boden und der Wolke befindest, kannst du es ziemlich vergessen einen grossen Bart zu finden, der direkt zur Wolke geht; allerdings werden die meisten Wolken von mehreren kleinen Bärten gespeist die sich vereinigen. Das Suchen über guten Kollektoren und Abrisskanten auf der dem Wind zugewandten Seite von Wolken ist eine gute Strategie (denke an die Gradienten des Tages, die beinflussen wie sich der Bart versetzt - die Bärte könnten auf der dem Wind abgewandten Seite der Wolken stehen, wenn der Gradient invers ist).
Ich versuche normalerweise die Kollektoren und Abrisskanten mit den Wolken die sie speisen zu verbinden. Das ist auch nützlich um vorherzusagen wo in ihrem Lebenszyklus sich die Wolke befindet. Zum Beispiel werden Wolken, die sich über einem bergigen Gebiet bilden, generell mit dem Wind versetzt. Sobald sie von ihrer thermischen Quelle abgetrieben sind können sie zwar noch Steigen unter sich haben, solange die Warmluftblase die sie speist noch mit ihr verbunden und nicht komplett aufgestiegen ist, aber du musst relativ hoch ankommen um noch in dieser Blase zu steigen, unabhängig davon wie grossartig die Wolke aussieht.
Je höher die Wolkenbasis ist, desto länger wird dein nächster Aufstieg dauern (es sei denn du fliegst unter einer Wolkenstrasse). Reichmann sagt vorher, dass die Distanz zwischen Wolken ungefähr 2.5 mal ihrem Abstand über Grund entspricht. Ist die Basis 2000m über Grund, dann wird der Abstand zwischen normalen 'Stämmen' wahrscheinlich 5000m sein (die Distanz der thermischen 'Wurzeln' wahrscheinlich etwas weniger). Auch wenn dein Schirm nur 5:1 gleitet, solltest du dann eine realistische Chance haben einen Bart zu treffen, bevor du am Boden stehst! Theoretisch ist es sehr selten, dass man den ganzen Weg von der Basis bis zum Boden gleitet, ohne dass man Steigen findet. In Wirklichkeit habe ich es oft getan, speziell an blauen Tagen. Zurückblickend bin ich oft in ein blaues Loch geflogen oder in einer sinkenden Luftmasse und hätte um 90 Grad abbiegen sollen um Steigen zu finden, nachdem ich unterhalb der halben Distanz zwischen der Wolke und dem Boden war. Im Flachen bildet sich Steigen generell in Linien aus und Sinken ebenfalls; auch an blauen Tagen ist der nächste logische Platz um einen Aufwind zu finden über einem guten Kollektor/Abrisskante, windabwärts vom letzten Steigen.
In den Bergen bilden sich Bärte und Wolken generell über Bergzügen die vielleicht nicht unbedingt zu deiner geplanten Flugrichtung oder der Windrichtung passen. Wenn du irgendetwas anderes als ein enges Tal an einem Tag mit hoher Basis querst, dann must du deine Entscheidungen weniger darauf basieren was die Wolken machen, sondern mehr auf die Grund basierten Taktiken, die im vorherigen Artikel behandelt wurden. Wenn du durch kleine Lücken entlang eines Bergzuges fliegst dann ist es oft sinnvoll die Wolken für die Planung des nächsten Steigens zu benutzen, speziell im amerikanischen Westen wo die Basis regelmässig unser FAA limit von 18'000 (!!!) fuss übersteigt. Die meisten Bergzüge in Nordamerika verlaufen grob in Nod-Süd Richtung, während der Wind meistens von West nach Ost bläst. Ein guter Trick um Täler zwischen Bergzügen zu queren ist es zur Basis aufzusteigen, dann über die Lücke mit einer Wolke zu driften. Das ist langsam, aber beim XC fliegen geht es oft mehr darum in der Luft zu bleiben als um Geschwindigkeit. Ich habe diesen Trick mehrmals am King Mountain und in anderen Gebieten genutzt um Schirme (Drachen) mit weit besserer Gleitzahl zu schlagen. Oftmals wird die Wolke irgendwann anfangen sich ernsthaft abzubauen, es ist besser sie vor diesem Punkt zu verlassen oder du wirst dich in sinkenden Luftmassen befinden.
Ärgere dich nicht zu sehr wenn du es nicht zur Basis schaffst, normalerweise steige ich nur an Tagen mit gut ausgebildeten Bärten, die in dichte Kumuli mit geraden Unterkanten führen, zur Basis auf. An feuchteren Tagen mag es viele Wolken geben, aber keinen verdammten Weg zu ihnen. Merke dir wie hoch du in deinem Bart gekommen bist, bevor er verschwunden ist und grob wie tief unter der Basis du warst. Wenn dein erster Aufstieg in 2000m geendet hat (bei einer Basis von ca. 2700m), dann kannst du damit rechnen, dass die nächsten paar Bärte bis in eine ähnliche Höhe führen, es sei denn die Wolken beginnen besser auszusehen oder höher zu steigen. Die Wolkenbasis steigt normalerweise während das Tages an und das Steigen wird generell besser bis zum späten Nachmittag. Wenn die Basis auf über 3000m steigt und die Wolken ziemlich solide aussehen, dann sollte es möglich sein näher an die Basis zu steigen.
Der beste Weg wirklich zu verstehen was in der Luft vor sich geht, ist es mit geradezu religiösem Eifer zu lernen. Lese die Bücher und verstehe die Meteorologie eines jeden Tages, dann setze das, was vorhergesagt war, mit dem in Verbindung was während deines Fluges tatsächlich eingetreten ist. Wenn du, aufgrund von irdischen Verbindlichkeiten, nicht in die Luft kommst, so kannst du doch eine Menge lernen. Das wird dir eine unbezahlbare Hilfe sein, wenn die Zeit kommt in der du unter deinem Fluggerät Entscheidungen treffen musst. Mein nächster Artikel beschäftigt sich mit dem Fliegen in der Thermik und bringt alles was in diesen letzten zwei Artikeln angesprochen wurde zusammen.