Unfälle beim Paragleiten sind meistens Pilotenfehler

Etwa drei Viertel aller tödlichen Unfälle sind nach Aussage des Deutschen Hängegleiter Verbandes auf eine Überforderung des Piloten zurückzuführen. So liegt meistens ein Mangel an Erfahrung und/oder eine Fehleinschätzung der Wind- und Wettersituation zugrunde. Unfälle durch Fremdverschulden (z. B. Kollisionen) oder durch technisches Versagen (z. B. fehlerhafter Schirm) machen weniger als 10 % aus. "Standardunfallsituation" ist ein Anfänger beim Starten oder Landen. Die oft folgenschweren Abstürze sind seltener und betreffen auch viele erfahrene Piloten, wahrscheinlich, weil diese extremere Flugmanöver und sensiblere Geräte fliegen.

Typische Unfallursachen nach einer Analyse des DHV aus dem Jahre 2000

Der "Einklapper"

Hauptursache von Unfällen beim Fliegen. Um den "Einklapper" zu verstehen sind einige Grundkenntnisse der Aerodynamik am Segel nötig: Das Gleitsegel besteht aus einem Ober- und einem Untersegel, das durch senkrechte Rippen in Kammern unterteilt wird. Nach hinten sind sie geschlossen, nach vorn weit geöffnet. Im Flug strömt Luft durch die Eintrittöffnungen in die Kammern und hält die Kappe durch den Staudruck prall. So ergibt sich eine Profil wie bei einem Flugzeugflügel. Die anströmende Luft erzeugt an der Unterseite einen Druck, an der Oberseite einen Sog - das Segel trägt.

Der Zug der Steuerleinen durch den Piloten sowie Turbulenzen der Luft greifen in dieses Profil ein. Dabei kann es kurzfristig dazu kommen, dass Luft aus den Kammern entweicht und das Segel seitlich oder selten auch frontal zusammenklappt ("Einklapper"). Durch die beschleunigte Fallgeschwindigkeit bläst es sich normalerweise nach einigen Höhenmetern von allein wieder auf. Der Pilot sollte Segel und Flugrichtung zusätzlich aber durch kurzes Gegenbremsen (mäßigen Bremsleinenzug auf der nicht eingeklappten Seite) stabilisieren.

Fliegt der Pilot zu dicht über einem Hindernis, etwa über einem Wald oder über Felsen, oder befindet sich zur Landung kurz über dem Boden, schlägt er auf, bevor sich die Kappe wieder füllt. Typische Pilotenfehler sind fehlendes Gegenbremsen oder "Übersteuern" durch zu starkes Gegenbremsen. Dabei kann es zum totalen Strömungsabriss am Segel kommen. Der Schirm verliert seine Tragfähigkeit.

Übersteuerung

Durch zu eng geflogene Kurven, ein- beziehungsweise beidseitiges Überbremsen des Schirms oder durch Fehler bei schnellem Höhenabbau ("Steilspirale", "B-Stall", provozierte beidseitige Einklapper) kann es zu Strömungsabrissen am Segel kommen. Häufig ergeben sich daraus schwer kontrollierbare Trudelbewegungen, die in Bodennähe ganz besonders gefährlich sein können.

Hindernisberührungen

Um mit dem Schirm möglichst schnell steigen zu können wird häufig im hangnahen Aufwind geflogen, oft nur 15 bis 20 m über dem Bergrücken. Wie an Start- und Landeplätzen ist der Pilot hier lokalen Windströmungen ausgesetzt. Plötzliche starke Abwinde oder Turbulenzen können auftreten. Dem Piloten bleibt bei Zwischenfällen nur kurze Zeit zum Reagieren. "Kollisionspartner" ist meistens ein Baum oder, an Steilhängen, ein Fels. Schwere Verletzungen sind selten, je nach Kollision und Absturzhöhe können jedoch durchaus massive Polytraumen auftreten.

Startfehler

Beim Starten muss der Pilot den Schirm durch Anlaufen gefühlvoll hochziehen, bis er über ihm steht. Schießt die Schirmkappe dabei zu schnell nach vorn, muss er sie anbremsen. Unfälle bei Starten passieren durch überschießende Kappen, seitliche Einklapper oder durch Stolpern. Setzt sich der Pilot zu früh ins Gurtzeug, kann er bei plötzlichem Absinken den Bodenkontakt nicht abfangen. Meist handelt es sich um Stürze am oder kurz über dem Boden.

Landefehler

Verletzungen beim Landen sind häufig. Zu hohes oder zu niedriges Anfliegen, falsche Richtungskorrekturen, schnelle Kurven in Bodennähe oder Landungen mit Rückenwind führen zu Unfällen. Kleine Landewiesen, Hindernisse, unerwartete thermische Ablösungen (Aufwinde) oder Leewalzen (plötzliche Abwinde nach Hindernissen) stellen bei mangelndem Können weitere Risiken dar.

Fehler bei der Wettereinschätzung

Häufigster Unfall hier ist das Abtreiben des Fliegers ins Lee (Windschatten mit Turbulenzen und Abwinden) durch starken Wind. Häufig treten Probleme auch durch starke und böige Winde beim Landen auf. Weitere Unfallursachen sind "Einklapper" durch starke und turbulente Thermik (Auf-/Abwinde), wie sie beispielsweise im Frühjahr oder bei Föhn auftritt.

Weitere aber seltene Unfallursachen sind

  • Fehler beim Vorflugcheck (offene Beinschlaufen, verknotete Leinen)
  • Kollisionen mit anderen Gleitschirm- oder Drachenfliegern
  • Fehlerhafte Fluggeräte (in fast allen bekannten Fällen durch eigenständiges Kürzen oder Längen der Leinen)

Unfallerfassung schwierig

Wie es mit Gesamtunfallzahlen oder der durchschnittlichen Schwere der Unfälle aussieht, ist schwer zu beurteilen. Grundlage für Statistiken sind gemeldete Unfälle und Angaben von Bergrettung oder Kliniken. Hierbei handelt es sich überwiegend um schwere und schwerste Verletzungen. Unfälle mit Eigen- oder Kameradenrettung werden kaum oder zumindest nicht als Flugunfall gemeldet, damit etwa die Unfallversicherung zahlt. Die Dunkelziffer dürfte entsprechend hoch sein und wahrscheinlich viele leichte Verletzungen verdecken.

Darüber hinaus sagen absolute Unfallzahlen wenig über Tendenzen aus, und die zur Relativierung benötigte Zahl der aktiven Piloten ist schwer zu ermitteln. Nicht jeder Luftfahrscheininhaber ist aktiver Flieger und nicht jeder Flieger besitzt die Zulassung. Trotzdem ist der Rückgang der Unfallquote bei gestiegener Zahl der Scheininhaber eine deutlich positive Entwicklung, die die verbesserte aktive und passive Flugsicherheit widerspiegelt.

http://www.gleitschirm-faq.de/Stoff/Risiko/article_004